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Nachbericht Weltdiabetestag 2018

 

Weltdiabetestag 2018 „Diabetes-Selbstmanagement – Neue Technologien, neues Wissen und Veränderungen in der Selbsthilfe als Chance“

 

Über 300 Besucherinnen und Besucher nahmen an der gemeinsamen Infoveranstaltung der ADBW und der DBW zum Weltdiabetestag in Stuttgart teil.

 

„Mein Leben wäre im Alter von zehn Jahren zu Ende gewesen“, sagt die stellvertretende Vorsitzende der DBW, Frau Elke Brückel bei der großen Informationsveranstaltung der DBW und ADBW am Weltdiabetestag. Wie Frau Brückel wäre es wohl vielen Menschen ergangen, wenn nicht Sir Frederick Banting und Charles Best 1922 das lebenswichtige Insulin entdeckt hätten. Daher findet jedes Jahr am 14. November, dem Geburtstag von Sir Frederick Bantig, deutschlandweit der Weltdiabetestag statt – in Stuttgart dieses Jahr unter dem Motto „Neue Technologien, neues Wissen und Veränderungen in der Selbsthilfe als Chance“. Ein Thema, das sowohl Fachkräfte als auch Betroffene und deren Angehörigen gleichermaßen betrifft. „Ich verfolge die Entwicklung seit 1963“, berichtet Frau Brückel weiter. „Damals kamen noch Glasspritzen und Kanülen zum Einsatz, heute sind z. B. Insulin-Pumpen und Pens selbstverständlich.“ Diese Innovationen unterstützen alle Menschen mit Diabetes, erleichtern ihren Alltag und ermöglichen ihnen, diesen weitestgehend selbstbestimmt und so normal wie möglich zu gestalten. „Ich hoffe, dass diese Entwicklung weitergeht und dass dies eine Chance für uns alle ist,“ schließt Frau Brückel ihr Eingangsstatement ab.

 

„Gerade im Bereich der Digitalisierung wurden enorme Fortschritte gemacht“

Herr Ulrich Schmolz, Leiter des Referats „Grundsatz, Prävention und öffentlicher Gesundheitsdienst“ bestätigt die Brisanz des Themas. „Gerade im Bereich der Digitalisierung wurden enorme Fortschritte gemacht,“ so Herr Schmolz und verweist auf die Digitalisierungsstrategie des Landes Baden-Württemberg, in deren Rahmen auch z. B. die telemedizinische Sprechstunde für Kinder mit Diabetes gefördert wird. Dieses Projekt soll dafür sorgen, dass 50 bis 70 Prozent der direkten Arztkontakte unnötig werden. „Da steckt ein enormes Potenzial drin!“


Stationären Bereich nicht „kaputt sparen“

Besonders das Schaffen von Grundlagen für eine Diabetesversorgung auch im stationären Bereich liegt Herrn Schmolz am Herzen. „Denn sie sind notwendig, um entsprechende fachärztliche Ausbildung sicher zu stellen, die sie wiederum in der ambulanten Versorgung benötigen.“ Ähnlich sieht das auch Dr. Bernhard Lippmann-Grob, leitender Oberarzt der Diabetesklinik Bad Mergentheim. Er weist darauf hin, dass viele stationäre Einrichtungen aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen werden „Wenn wir den stationären Bereich kaputt sparen, dann führt das auf Dauer dazu, dass wir die Volkserkrankung Diabetes nicht mehr adäquat versorgen können,“ so seine Meinung.


Defizite sieht Frau Brückel auch in der Pflege, denn diese sei völlig überfordert. „Sehr viele Typ-1-Diabetes-Patienten kommen zu uns und haben große Angst, was mit ihnen geschieht, wenn sie ihr Selbstmanagement nicht mehr selbst leisten können,“ so die stellvertretende Vorsitzende der DBW.

 

„Messen ohne zu stechen ist ein großer Traum in der Diabetologie“

Thema des Vortrags von Frau Dr. Astrid Tombek, Bereichsleiterin Diabetes- und Ernährungsberatung an der Diabetesklinik Bad Mergentheim, sind die neuen Technologien im Diabetes-Selbstmanagement. „Ohne Messergebnisse ist eine gute Einstellung bei insulinpflichtigen Menschen mit Diabetes nicht möglich,“ so Frau Dr. Tombek. Hierfür war bisher Blut notwendig, allerdings bereitet das Gewinnen von Blut im Alltag oft Schwierigkeiten.


„Schön wäre es, Werte zu gewinnen ohne diese Prozedur.“ Ansätze hierfür gibt es genügend. Kristalle, Kontaktlinsen und Pflaster sind nur ein paar Beispiele – verfügbar sind diese jedoch (noch) nicht. „Messen ohne Stechen ist aktuell nicht machbar“ fasst Frau Dr. Tombek zusammen „Aber wir haben einen neuen Schritt gemacht: Nach den Harnzuckermessungen und dem kleinen Blutzuckermessgerät ist nun die Ära der Sensoren aufgekommen.“ Je nach System sei das Stechen nur noch einmal alle fünf bis 14 Tage nötig. Die Werte, die die Sensoren liefern, seien jedoch auch fehleranfällig: Liegt die Messstelle z. B. trocken, sind die Werte falsch.

 

Möglichkeiten der neuen Systeme zu wenig genutzt

Im Vergleich zur kapillaren Messung liefern diese sogenannten Flash-Glukose-Systeme keine einzelnen Messwerte, sondern Verläufe – und zwar auch zu Zeiten, die man vorher nicht beachtet hat, wie z. B. nach den Mahlzeiten oder in der Nacht. Dadurch würden solche modernen Systemen Probleme bei der Diabetes-Einstellung aufdecken, die mit den alten Methoden unentdeckt blieben, verdeutlicht Dr. Lippmann-Grob. Hinzu kommt, dass durch die Sensoren zahlreiche Kurven generiert werden, deren Interpretation schwierig ist. Diese Datenflut könne allerdings durch statistische Auswertungen gebändigt werden. Regelhafte Anstiege und Abfälle im Tagesverlauf werden so sichtbar. Patienten, die in ihr elektronisches Tagebuch Informationen wie Insulinmengen oder Korrekturfaktoren eingepflegt haben, können so gleich Konsequenzen ableiten. „Mein Eindruck ist jedoch, dass wir in der Analyse dieser modernen Methoden weit hinter den Möglichkeiten zurückbleiben, da 95 Prozent dieser Profile nicht ausgefüllt werden,“ ist Dr. Lippmann-Grob der Meinung.

 

Doch sind solche unblutigen Messsysteme überhaupt für ältere Menschen geeignet? „Ja“ ist Privatdozent Dr. Andrej Beifang der Meinung. Voraussetzung sei allerdings, dass die Anwendung einfach ist und die Technik den Menschen nicht belastet, sondern die Lebensqualität der Anwender erhöht und ihnen Sicherheit geben. Dr. Wolfgang Stütz, Schatzmeister der ADBW und niedergelassener Diabetologe, ist sogar der Meinung, dass die blutige Blutzuckermessung völlig verschwinden wird „Die Sensoren erobern die Welt. Wir werden in Zukunft den Blutzucker aus einem elektronischen Gerät ablesen.“


Prognose von Diabetikern hat sich verbessert

Neben diesen neuen Technologien wurden in den letzten Jahren auch neue Medikamente, die besser und verträglicher sind, entwickelt sowie neuen Betreuungsprogramme eingeführt, die die Prognose des Typ 1 und Typ 2 Diabetes verbessert haben, so Dr. Alfred Dapp, stellvertretende Vorsitzender der DBW. Als Beispiel verweist er auf das Erblindungsrisiko für Diabetiker, welches sich aufgrund der Fortschritte in der Betreuung der Augen in den letzten wenigen Jahren halbiert hat. Und dennoch bestehen laut dem stellvertretende Vorsitzender der DBW nach wie vor große Defizite. „Ich denke, es muss noch sehr viel in der Prävention geschehen,“ so die Meinung von Dr. Dapp.

 

Autor: Dr. Silke Kerscher-Hack